texte

Lorbeer und Zitrone

2009 | Skarabaeus Verlag Innsbruck

Buchveröffentlichung

Die Studentin, die von einem Kuss zum anderen lebt; die Gerichtsmedizinerin, die ihr Kind in einem Käfig hält; die Krankenschwester, die staunend zusieht, wie ein Orkan über Berlin hinwegfegt – die Erzählerinnen dieser Kurzgeschichten könnten verschiedener nicht sein. Doch irgendwo im flirrenden Leben der Großstädte ist ihnen allen eines gemeinsam: der Moment, in dem sie sich entscheiden zu lieben. Das Verlangen, die Sehnsucht und die vielen Masken der Abhängigkeit bestimmen das Leben der Frauen in Pernthalers Erzählungen. Allzu oft haben sie mit der Hoffnung auf Glück den schmerzvollen Abschied gewählt.
Die junge Autorin Lissy Pernthaler liefert mit ihren Kurzgeschichten ein bemerkenswertes Debüt, das eine feine Beobachtungsgabe und sprachliches Geschick beweist. Ihre Geschichten reißen und zerren am Leser, der sich bis zum Ende nie ganz sicher sein kann, ob es Gutes verheißt, wenn die Liebe gewinnt.

Die junge Autorin Lissy Pernthaler liefert mit Ihren Kurzgeschichten ein bemerkenswertes Debüt, das eine feine Beobachtungsgabe und sprachliches Geschick beweist.
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Hier gibt es einige Auszüge aus Texten zum Reinlesen.

Ein Herz voll Wein

2009

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jannis und sein muttermal sitzen mir gegenüber am marktplatz. es ist ganz versteckt, sein muttermal und doch offensichtlich da. so versteckt, dass ihn noch nie jemand darauf angesprochen hat. so offensichtlich, für mich, die ich ihn zentimeter für zentimeter abgetastet habe, mit meinem blick. um beweise für seine existenz zu finden. denn muttermale über den körper verstreut, sind die sterne des körpergestirns. jannis’ muttermale habe ich noch nicht verbunden wie sternbilder, noch muss ich all seine sterne finden, auf seinem gestirn. dann hab ich ihn bewiesen. dann ist er kein rausch. es donnert. immer wieder. bis in mein herz. die turmuhr schlägt, bis tief in mein herz. dort kommt alles zusammen und erschüttert mich, blitzt hell in mir auf. und mitten im gewitter weiß ich: er existiert, jannis ist viel näher als gedacht, nicht nur vor mir. der marktplatz bebt. die pflastersteine beginnen sich zu lockern und schwimmen in einem roten meer das unaufhörlich aus unseren weingläsern strömt. mein herz wird voll gesogen mit tiefrotem wein, mit dem, der keine kopfschmerzen macht. aber schwer ist, und uns erdet. der uns erzählt, was es heißt, miteinander verwurzelt zu sein. der gedanke an die rationale beweissucht kentert in meinem herzen voll wein. er ist in mir. ich bin trunken von jannis

Ariel

2009

Ausschnitt aus der Kurzgeschichte Ariel aus dem Buch Lorbeer und Zitrone

zuerst lernte ich ben kennen, dann samuel. anika gab ben eine falsche telefonnummer. absichtlich, weil sie ihn wahrscheinlich nicht wieder sehen wollte. ich kannte anika nicht und es war wohl zufall, dass sie meine telefonnummer auf bens handrücken kritzelte. als ben anika dann anrufen wollte, um sie auf einen kaffee einzuladen, läutete mein telefon und ich rannte in die küche. ich meldete mich und ein junger mann, offensichtlich aufgeregt, fragte nach meiner mitbewohnerin anika. „ich wohne alleine.“ sagte ich. „ich kenne keine anika.“ er entschuldigte sich, sagte, er habe sich verwählt und legte auf. nach einer halben minute klingelte das telefon noch einmal. wieder war er es und wir verglichen die nummern und er war enttäuscht und kannte sich nicht mehr aus. dann fragte ich, wer diese anika sein solle und er erzählte mir nach einigem zögern von ihr.
dann sagte ich, ich hieße paula, und wenn er wolle, könnten wir uns auf einen kaffee  treffen.
für ihn schien das nur ein schwacher trost zu sein, aber er ließ sich nichts anmerken und willigte ein.
manchmal denke ich darüber nach, wann ich mich in ihn verliebt habe. ich glaube, es war, als er mir aus einer seiner geschichten vorlas: “wir fuhren an brennenden wäldern vorbei.“ ja, damals muss es wohl gewesen sein.

ich lernte samuel im taxi kennen. ich fahre nie taxi, aber mein vater bestand darauf, als seine neue freundin gebärend in der entbindungsklinik lag. „ich zahle, aber komm jetzt. so schnell du kannst, ich halte es nicht mehr aus.“
toni war mir nie besonders wichtig gewesen. wenn ich meinen vater besuchte, waren wir meistens allein, toni arbeitete oder war mit ihrer freundin im fitnessstudio. wenn toni zu hause war, machten mein vater und ich lange spaziergänge am fluss. unser atem zeichnete sich in der luft ab und als wir ganz durchgefroren zur wohnung kamen, kochte uns toni tee und ich blieb noch eine halbe stunde um small talk zu machen, meinem vater zu liebe. weil ich wusste, dass er sie liebte. toni verhielt sich mir gegenüber wie eine gute freundin, weil sie so jung war, dachte sie wohl, sie könne so den zugang zu mir finden.
toni war meinem vater wichtig und nun eilte es. er brauchte mich. also ließ ich ein taxi zu meiner wohnung kommen.
der taxifahrer fragte mich, wohin es gehen solle und ich sagte in die entbindungsklinik marienheim.
er hielt direkt vor der großen drehtür an, ich zahlte und stieg aus, schlug die autotür zu und fragte mich nach den kreissälen durch.
mein vater stand ganz zerknittert und nervös vor einem kaffeeautomaten und fluchte. als er mich sah, hellte sich seine miene auf und die runzeln auf seiner stirn verschwanden. „hast du noch kleingeld?“, fragte er mich, „meine letzte münze frisst er nicht.“ ich reichte ihm ein paar münzen und er bekam seinen viel zu heißen kaffee, an dem er sich dann die zunge verbrannte.

als ich stunden später die klinik verließ, war es dunkel und es begann zu schneien. es war tiefer herbst.
hilflos stand ich vor dem grell beleuchteten eingang. da fuhr endlich das taxi vor, das mir die krankenschwester gerufen hatte und ich stieg ein.
erst viel später, als wir schon eine weile gefahren waren, fiel mir auf, dass der fahrer gar nicht gefragt hatte, wohin er mich fahren sollte.
der wagen hielt an, die scheibenwischer quietschten. „wir sind da“, sagte der fahrer und drehte sich zu mir um. „woher wiss…..“ mir blieben die übrigen worte im hals stecken. ich sah hinaus und erkannte meine haustür und er sah in mein verweintes gesicht.
„was ist passiert?“, fragte er vorsichtig und leise.
nach einer langen pause sagte ich: „die verlobte meines vaters hat einen sohn zur welt gebracht. sie ist während der geburt gestorben. unerwartete komplikationen, haben die ärzte gesagt.“
der taxifahrer stieg aus, ging um das auto herum, öffnete mir die tür. er nahm meine hand und zog mich aus dem auto. als er bemerkte, dass ich nicht reagierte, sondern einfach nur regungslos im neuschnee auf dem gehsteig stand, fragte er, wo die hausschlüssel seien.
ich hielt ihm meine tasche hin. er kramte darin und zog dann ein schlüsselbund hervor. er hakte mich bei sich unter und wir gingen zur haustür. das außenlicht ging an. ich musste anfangen zu weinen. wir gingen in den ersten stock. dann blieb ich vor meiner wohnungstür stehen. er verstand und sperrte auf. schob mich in die warme wohnung und schloss hinter sich die tür. dann zog er mir die schuhe aus und schaute sich um. als er das schlafzimmer sah, ging er mit mir hinein, schlug die bettdecke zurück und legte mich ins bett, deckte mich zu.
er ging zur tür und wollte sie hinter sich schließen, drehte sich noch mal zu mir um und lächelte.
„nicht gehen.“, sagte ich mit schwacher stimme.
und er blieb. setzte sich auf den boden neben mein bett und blieb dort die ganze nacht.
ich wusste, dass samuel sich in dieser nacht in mich verliebt hatte. er war am nächsten morgen immer noch da. hatte tee gekocht. als ich aufwachte, hieß ich ihn zu mir ins bett legen und sagte ihm, er solle mir erzählen.
und er erzählte, dass er es war, der mich schon in die klinik gefahren hatte und ich ihm gefallen hätte. dann hatte er den ganzen nachmittag bis in den abend hinein den taxifunk abgehört, wann denn ein taxi von der klinik gerufen würde. drei mal sei er hingefahren, doch immer waren es glückliche mütter mit ihren neugeborenen oder verdutzte väter, die nach hause gefahren werden wollten.
dann, fast um halb elf uhr abends, als er eigentlich gerade feierabend machen wollte, hörte er, dass noch jemand von der klinik abgeholt werden wollte. er versuchte es noch ein letztes mal. und er hatte glück, meinte er.

Gläserne Tage

2010

Auszug

A
Sie schmiegten ihre Körper aneinander und ließen die Welt die Welt sein. Alles war möglich. Sie konzentrierten sich aber nur auf ihre Geburt. Sie wuschen sich, sie wuschen sich gegenseitig. Und alles, alles verbarg sich hinter dem Licht. Es strahlte hell, weiß und glich einer neuen Sonne.

B
Das waren sie. Ein Paar ohne jegliche Zukunft. Ein Moment, ein Augenblick, ein kitschiger Hollywoodatemzug. Sie lachten darüber. Oft.

Es war so geworden, wie der Schimmel an den Fensterbrettern. Jahrelang da, und unbeachtet. Man stößt sich nicht mehr daran. Es sind Traumfetzen und jemand macht die Tür auf im Traum. Deine alte Balkontür, von der schon die Farbe abblättert, eigentlich schon seit du in diese Wohnung eingezogen bist. Und im Traum öffnet diese Person deine Balkontür- die einfachste Handlung überhaupt. Du beobachtest sie einfach. Und erst Stunden später, im Wachsein des gläsernen Tages, fällt es dir auf. In einem unbewussten Moment. Du schaust versonnen aus dem Fenster und dein Blick geht durch die Glasscheibe der Balkontür und dir fällt auf: So, wie die Person in deinem Traum die Balkontür aufgemacht hat, kannst du sie gar nicht mehr öffnen, weil schon immer, seit du eingezogen bist, die Klinke defekt war.

A
Aus der Umlaufbahn wirst du geschmissen. Gnadenlos. Und ich rufe Emil an, weil er der Einzige ist, der meinen Namen kennt. Emil, sage ich zu heftig und forsch in den Hörer, Emil, ich glaube, ich löse mich auf. Ich kann das alles nicht mehr. Die Wirklichkeit ist so geworden, wie wenn man an einem Laden vorbei geht und eine angeknackste Glasscheibe sieht. Sie ist noch nicht auseinandergefallen, aber man sieht den Einschlag, den Riss, die Risse, die Krakeelen, die tausend möglichen Splitter. Und es ist nicht so, dass die Wahrheit diese Fensterscheibe ist. Nein, das denke ich nicht. Die Wirklichkeit ist genau diese Szene: Du, der am Laden vorbeigeht und diese kaputte, aber doch noch irgendwie stabile Glasscheibe sieht. Verstehst du mich?
Und Emil fragt mich, wo ich gerade bin und was passiert sei. Und ich sage: Ich stehe mitten auf der Straße und kann nur mehr in Stößen atmen. Und die Welt, Emil, die Welt rückt mir zu nahe. Sie frisst mich nicht auf, nein, keine Zähne, weißt du, sie verschluckt sich an mir. Und das ist nun die Reaktion, alles ist zu nahe, aber ohne dass du es kennst.

B
Emil und Frieda sahen sich an und wussten, dass sie eine Lüge waren. Ein Konstrukt. Sie hatten sich in der Heftigkeit eines kompromisslos kitschigen Augenblicks nicht vorsichtig genug verhalten. Sie waren Weihnachtsengel. Sie waren nur real in diesem Zauber dieser paar Tage, wo der Glanz der ganzen Lichter und Kaufhäuser, das Schillern der Straßen und der Geruch der gebrannten Mandeln zu einem Glänzen in den Augen wurde. Dieser Moment passierte sehr selten, aber die meisten Menschen erlebten ihn am ehesten zu Weihnachten. Und in diesem Szenario hatten sie sich kennen gelernt. Frieda beschlug die Busscheibe mit ihrem Atem und zeichnete gedankenverloren etwas in das kondensierte Wasser. Es war ein Stern. Frieda fuhr nach Hause. Es war kurz vor Weihnachten. Emil saß eine Reihe hinter ihr, im übervollen Bus.

A
Er hätte ihn beinahe verpasst, da er auf dem Glatteis nicht laufen konnte. Doch der Busfahrer mussten im Anfahren abrupt stoppen, da ein Autofahrer, der auf der Bushaltestelle geparkt hatte, just in diesem Moment als der Busfahrer losfahren wollte, ausparken wollte um dem Bus freie Fahrt zu gewähren- aber den Vorder- mit dem Rückgang verwechselte. Das brachte Emil die paar Sekunden wieder ein. Der Bus stoppte, der Busfahrer sah den vor Kälte schlotternden Emil und entschied, ihn doch noch mitzunehmen. Weihnachtsnettigkeit der Verkehrsbetriebe. Sie hatten einen Ruf zu verlieren, da sie seit dem Einbruch des Winters immer wieder so viele Ausfälle von S-Bahnen, Trambahnen und U-Bahnen hatten. Zu viele peinliche Fauxpas, so dass die Fahrer angewiesen wurden, mehr auf die Kunden einzugehen. Emil hopste schnell in den Bus und die Türen schlossen sich und verbannten die Kälte für eine Weile in die Welt hinaus. Der Bus war rappelvoll und er blieb unten stehen, auch wenn es sonst im Doppeldecker immer oben saß. Nun aber stand er eng eingepfercht im Gang, neben zu vielen Menschen mit zu vielen Einkaufstüten und starren, gestressten Gesichtern.
Oben saß Frieda und malte einen Stern in die von Kondenswasser beschlagenen Scheiben. Emil stieg an der Potsdamer Brücke aus, er wollte noch ins Kino, Frieda wollte weiter fahren bis zur Oranienstraße.

B
Emil beugte sich zu Frieda vor, jedenfalls in seiner Vorstellung. Er sah sie nur von hinten, ihren großen Mantelkragen mit einer Pelzimitation, ihre kleinen roten Ohren. Und ein Stück von ihrem Gesicht. Aber er wollte sich zu ihr beugen und ihr irgendetwas ins Ohr flüstern. Sie summte nämlich. Ein Weihnachtslied. Und da bremste der Bus und Emil wurde nach vorne geschleudert. Seine Arme wurden mit der Wucht des Bremsvorgangs auseinandergerissen und landeten wie in einer großen weiten Umarmung um Friedas Hals. Somit hatte Emil, Frieda fest im Griff, als der Bus ins Schleudern geriet und sich begann um seine eigene Achse zu drehen. Die Menschen im Bus schrien. Emil hielt die Luft an. Frieda klammerte sich mit ihren Händen an Emils Hände, die sie von hinten umschlungen.
Der Bus kam zum stehen. Das Neonlicht leuchtete immer noch gleich grell vor sich hin, als wäre nichts geschehen. Der Stern den Frieda in die Fensterscheibe gezeichnet hatte war nicht mehr da. An seiner Stelle war die Scheibe von ihren Händen und Emils Händen und ihrer Jacke komplett frei gewischt worden. Beide sahen aus dem Fenster. Sie standen mitten auf einer Kreuzung, mitten im vorweihnachtlichen Verkehrschaos im oberen Stockwerk eines Doppeldeckerbusses und sahen das gesamte Ausmaß der Massenkarambolage, die mitten in denr Innenstadt herrschte. Im Bus war es still. Eine kurze Sekunde lang. Emil empfand sie als Ewigkeit. Frieda drehte sich in dieser einen stillen Sekunde zu Emil um und sah ihm in die Augen. Sie glänzten noch. Das beruhigte sie.

Danke, sage ich zu diesem Mann, der mich während der ganzen Schleuderfahrt gesichert hatte. Danke, sagt er zu mir. Ich versuche zu lächeln, wahrscheinlich gelingt es mir nicht. Deine Augen glänzen, sage ich. Deine auch, sagt er. Das ist gut, sage ich. Ich bin Frieda. Und ich muss jetzt ganz schnell aus diesem Bus. Mir reicht das für heute. Ich wollte sowieso die Nächste aussteigen. Er nickt verständnisvoll. Zum Glück ist nicht mehr passiert, dir geht es ja gut, oder?, fragt er mich. Ja, alles gut, nur noch ein bisschen zittrig. Wenn ich jetzt denke, dass ich auf die glatte Straße muss… Ich suche meine Sachen zusammen. Durch die Drehung wurde meine Tasche nach vorn geschleudert und der Inhalt hat sich im Bus unter den vorderen Sitzen verstreut.
Beim Aussteigen steht der junge Mann auf einmal wieder neben mir. Ich bin Emil, komm hake dich unter, zu zweit können wir nicht so leicht fallen, ich lade dich auf eine Tasse Tee ein, was hältst du davon? Ich schaue ihn lächelnd an. Das hört sich nach einem guten Weihnachtsbeginn an!